Mittwoch, 23. August 2006 21:36 Kuala Lumpur, Malaysia. Jetzt hab’ ich mich durchschaut. Es macht mir Spaß krank zu sein, es gefällt mir krank zu sein. Meine Halsschmerzen sind schon viel schwächer als in der Früh. Auch wenn ich noch immer nicht laufen war. Ich war zwar schon zwei oder drei Mal unten, doch immer waren Leute im Fitnessraum, sodass ich mich nicht getraut habe mich umzuziehen und aufs Laufband zu steigen. Ja, ich weiß dass ich einen Knall habe. Ich denk’s mir eh. Ich beiße wie verrückt an meinen Nägeln herum, bloß damit ich nicht schreiben kann.
Im Lift, am Weg nach oben, habe ich es erkannt. Es gefällt mir krank zu sein. Ich fühle mich nicht schlecht wenn ich krank bin und lange schlafe. Ich fühle mich auch nicht schlecht wenn ich krank bin und den ganzen Tag faul herumsitze. Ich fühle mich schon gar nicht schlecht wenn ich krank bin und mich mit Sachen, die mir Spaß machen versuche mich von den Schmerzen abzulenken. Es ist also ein beinahe optimaler Zustand krank zu sein, denn so kann ich lange schlafen, zu hause sein, schreiben, malen, lesen, oder wonach mir auch immer ist, ohne dass ich mich schlecht fühlen müsste. Denn ich habe ja die perfekte Rechtfertigung, ich bin ja immerhin krank. Und weil ich ach so arm und krank bin verdiene ich Mitleid und Streicheleinheiten. Es ist einfach perfekt krank zu sein, denn ich brauche mich um nichts kümmern. Wer würde denn von einem Kranken schon erwarten, dass er arbeitet? Das wäre ja beinahe unmenschlich. Ich bin also krank. Krank. Zu krank um zu arbeiten. Zu krank um zu putzen. Zu krank. Und weil ich krank bin, muss ich mich von meiner Krankheit ablenken. Kranke Kinder werden verhätschelt. Kranke Kinder bekommen Spielzeug. Kranke Kinder bekommen Süßigkeiten. Kranke Kinder bekommen alles was sie wollen. Kranke Kinder dürfen tun was ihnen Spaß macht. Damit sie von ihrer Krankheit abgelenkt sind. Damit sie glücklich sind. Damit sie schneller gesund werden. Ich bin also ein krankes Kind. Ich liege also am Bett, zu krank oder zu faul, um mich zu bewegen und rufe verzweifelt nach meiner Mama, damit sie mir etwas zu trinken bringt. Anstatt einfach selbst aufzustehen. Verzogener Lümmel. Nun habe ich hier keine Mama. Und auch sonst niemanden, der das kranke Kind pflegt. Gesund werden kann ich von selber. Denn ich vermute, dass meine Krankheit nur eine Lüge ist, die ich mir selbst vorspiele. Als Kind habe ich das doch schon so gemacht. Hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Hausübung unerledigt gelassen hatte. Wollte ich nicht zu der Prüfung gehen. Wollte ich einem Streit mit jemandem aus dem Weg gehen. Wollte ich einfach Pause haben. Sehnte ich mich nach Entspannung. Fehlte mir Zuwendung. Vermisste ich Liebe und Zärtlichkeit. So wurde ich krank. Und meine Mama streichelte mein kleines Köpfchen. Und ich lag da und genoss es. Denn, das gab es sonst nie. Wieso bekommen kranke Kinder mehr Liebe als gesunde? Wenn es mir reicht. Wenn ich genug habe. Wenn ich nicht weiter weiß. Wenn ich nicht weiß was ich tun soll. Wenn ich einem Problem aus dem Weg gehen will. Wenn ich verzweifelt bin. Wenn ich gerne jemanden hätte der mir hilft. Wenn ich mich nach Aufmerksamkeit sehne. Wenn mir Zuwendung fehlt. Dann werde ich krank. Einfach krank. Ja, so einfach ist das. Clever, oder? Und war es nicht immer so, dass ich bekommen habe was ich wollte?
Nun macht es mir halt mal viel mehr Spaß Tagebuch zu schreiben und Bilder zu malen als zu arbeiten. Auch macht es mir Spaß zu lesen und in fremde Realitäten einzutauchen. Und all diese Sachen kann ich am besten tun wenn ich krank bin und mich selbst bedauere und bemitleide.
Bin ich krank? Bin ich wirklich krank? Ich meine: Bin ich geistig krank? Ganz deutlich: Bin ich verrückt? Bin ich irre? Fantasiere ich all das nur zusammen? Oder sehe ich das wirklich? Warum gebe ich vor das zu sehen? Warum sehe ich das? Warum kann ich es sehen? Ohne zu handeln? Warum tue ich mir das an? Warum ändere ich mich nicht? Warum handle ich nicht vernünftig? Ich habe so viele Möglichkeiten. Warum lasse ich sie verstreifen? Warum bedauere ich mich? Warum trauere ich verstrichenen Gelegenheiten nach? Warum handle ich nicht? Warum tue ich nicht das Richtige? Warum quäle ich mich selbst? Warum tue ich nicht endlich das, wovon ich weiß, dass es das Beste ist? Warum spiele ich krank? Warum bin ich krank? Warum möchte ich krank sein? Warum wünsche ich mir krank zu sein? Warum höre ich damit nicht auf? Warum habe ich damit begonnen? Warum kann ich damit nicht aufhören? Werde ich einmal damit aufhören können? Wann wird das sein? Warum habe ich keine Hoffnung? Warum traue ich mir selbst nichts zu? Warum habe ich Angst vor dem Versagen? Warum bin ich nervös? Warum treibt mich meine Angst in das Versagen? Warum mache ich das? Warum erschaffe ich so eine kranke Realität um mich herum? Warum stürze ich mich selbst in den Abgrund? Warum erkenne ich mein Verhalten? Warum ändere ich es nicht endlich? Warum tue ich das was mir Spaß macht lieber? Warum habe ich nie gelernt das Wichtige zuerst zu tun? Warum wollte ich nie lernen das Wichtige zuerst zu tun? Warum habe ich meiner Mutter nicht geglaubt? Warum versuche ich gegen den Strom des Lebens zu schwimmen? Warum tue ich das? Warum erkenne ich es und ändere es trotzdem nicht? Kann mir geholfen werden? Was soll ich tun? Kann ich mir selbst helfen? Wer kann mir helfen? Kann mir überhaupt jemand helfen? Will mir auch jemand helfen? Ist es geplant dass mir jemand hilft? Oder meint das Schicksal, ich müsste mir selbst helfen? Warum habe ich so viele Fragen? Kehrt Stille ein wenn ich sie alle gestellt habe? Interessieren mich die Antworten? Bin ich überhaupt bereit zuzuhören? Wieso stelle ich sie dann? Wird mir jemals geholfen? Weigere ich mich Hilfe anzunehmen? Lehne ich Hilfe ab? Sehe ich nicht einmal, dass ich Hilfe ablehne? Warum geht es mir so? Warum geht es mir schon seit vielen Jahren so? Woher kommt das? Wann geht es? Wann wird es anders? Habe ich genug Kraft um dieses Tag zu erleben? Kann ich so lange warten? Kommt dieser Tag überhaupt? Soll ich warten? Sollte ich vielleicht lieber handeln? Worauf warte ich? Warte ich? Warum weiß ich nicht ob ich warte? Warum macht alles keinen Sinn mehr? Warum habe ich meinen Sinn verloren? Kann ich ihn wieder finden? Gibt es überhaupt einen Sinn? Ist die Hoffnung nach Sinn nur Illusion? Was soll ich nun tun? Kannst du mir helfen? Ich flehe dich an.
Was ich will ist eine Freundin, die nicht enttäuscht ist wenn ich anstatt mich ihr zu widmen mich meiner Arbeit widme. Eine Freundin, die erkennt, dass sie mich motiviert, dass sie mir die Kraft gibt meine Arbeit zu tun. So eine Freundin will ich. Eine Freundin, die ich liebe, eine Freundin die mich liebt. Eine Freundin mit der ich glücklich bin und die mit mir glücklich ist. Eine gegenseitige Bereicherung des Lebens. Das ist es. Eine Freundin, die mir Kraft gibt mein Leben zu Leben und meine Arbeit zu machen. Eine Freundin, die das erkennen kann und auch so sieht. Eine Freundin, die glücklich ist eine Bereicherung meines Lebens zu sein. Das ist es was ich mir wünsche. Hilfe, Freundschaft, Liebe, Geborgenheit und Zusammenhalt. Das ist es was ich mir am meisten wünsche.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen